Ludwig van Beethoven: Sextett für zwei Hörner, 2 Violinen, Viola und Violoncello Opus 81B / Transkription für Klavier, Viola und Violoncello

in zweifacher Ausgabe:

A. Ausgabe und Einrichtung von Vidor Nagy (2017)
B. Originalfassung des Verlegers N. Simrock (1810)

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Vorwort der Ausgabe:

L. v. Beethoven | Trio für Klavier, Viola und Violoncello Op. 81b

IKURO-170222

Ludwig van Beethoven : Sextett für 2 Hörner, 2 Violinen, Viola und Violoncello Opus 81b – Transkription für Klavier, Viola und Violoncello 

Die Komposition von Beethovens Sextett Opus 81b, um dessen Klaviertrio-Fassung es hier geht, fällt in die frühen Wiener Jahre: 1794 und 1795. Er lebte noch in der Erinnerung an den Rhein; gegenüber den Adelskreisen, in denen er nun verkehrte, fehlten ihm die Bonner Musikerfreunde: Unter anderen auch der Hornist und Musikverleger Nikolaus Simrock (1751-1832), der Beethoven Hornunterricht gegeben hatte und später über ihn sagen sollte: „Bei uns herrscht die völligste Übereinstimmung, wir lieben uns brüderlich“. Das Sextett „inszeniert“ symbolisch denn auch die zwei Hörner – den Lehrer Simrock und den Schüler Beethoven – wie ein Doppel-Hornkonzert mit Streichquartett, und ganz eindeutig ist dies eine Verneigung des Neu-Wieners Beethoven an den 19 Jahre älteren Bonner Freund, der bereits seit 1793 zu Beethovens wichtigsten Verlegern gehörte. Doch eine Drucklegung des Sextetts erfolgte nicht jetzt, gleich nach der Komposition, sondern erst eineinhalb Jahrzehnte später.

Der seltene Umstand, dass die erst 1810 erfolgte Publikation des Sextetts op. 81b ganz ungewöhnlicherweise keine Widmung trägt und dass es auch keinerlei briefliche Erwähnung des Werks gibt, kann nur eines heißen: Es musste seit Beethovens Abschied aus Bonn im November 1792 ein Versprechen gegeben haben, dass er dem Hornisten-Freund eine Komposition auf den Leib schreiben – und dass dieser selbige auch drucken würde. Dazu bedurfte es keiner Widmungen und keiner Briefe, unter Freunden war das eine abgemachte Sache, und da Freunde gegeneinander nachsichtig und geduldig sein können, mochte die Angelegenheit auch warten, bis sie 1810 zu einem guten Ende kam.

Auf diese Weise erhellt sich auch ein anderes Rätsel: Warum erschien das Sextett als erste selbständige Bearbeitung in einer Klaviertrio-Fassung, in der die Violine eher von einer Bratsche zu spielen ist? Der Titel besagt zwar Trio pour le Piano Forté, Violon ou Alto et Violoncelle, aber wer die Titulierungen jener Zeit zu deuten weiß, versteht sofort, dass das Ungewöhnliche das Eigentliche und das Gewöhnliche plattes Verkaufsargument ist. „Alto“, die seltene Bratsche, ist das Hauptinstrument, nicht die jedem geläufige Geige, aber es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass diese Bearbeitung auf Beethoven zurückgeht! Folglich hat Simrock sie gemacht oder in Auftrag gegeben – und damit hatte er es so eilig, dass die Klaviertrio-Fassung bereits am 14. Juni 1810 in der Zeitung für die elegante Welt besprochen wurde, während die originale Sextett-Fassung erst im Juli 1810, also einen Monat später, als „vorrätige neue Musikalien“ annonciert ist.

Die Klaviertrio-Fassung ist demnach eindeutig als die Verneigung des Hornisten- und Verleger-Freundes Simrock vor dem ehemals in der Bonner Kurfürstlichen Kapelle seit 1784 ganz nahe bei ihm sitzenden Bratschisten Beethoven, der nun, 1810, ein in ganz Europa berühmter Komponist war. Doch als Streicher war jener Schüler von Franz Anton Ries gewesen, und Beethovens Dienst-Bratsche ist noch heute im Beethoven-Haus Bonn ausgestellt.

Die Fassung als Trio mit Viola steigert die Bedeutung dieses Stückes. Denn außer analog besetzten Kompositionen von Johann August Just und Jean Holzer sind kaum Werke dieser Sonderbesetzung aus so früher Zeit bekannt. Was aber außer dem streng Kompositorischen aus der Sextettfassung ins Trio überging und diesem zu einer Sonderstellung in der Klavierkammermusik-Literatur verhilft, ist die spezifische Bläser-Agogik: es sind die vielen fp-s und sf-s. Diese in die Triofassung zu übernehmen reicht nicht, sie müssen entsprechend der musikalischen Vorgaben von Horncharakteristik und Vokabular vorsichtig sondiert bzw. dosiert werden. So zum Beispiel die langen Begleitungstöne im 1.Satz Takt 31, 36, 75, 126 und 131.

Simrocks kompetente Verlagerung der diversen Stimmen in eine Klaviersatzweise mit zwei Streichern ändert das ursprüngliche Sextettbild in ein vollwertiges zeittypisches Beispiel der Triogattung, wobei der Bläsersatz in die Traditionsform Klaviertrio verwandelt wird. Die dynamischen Vorschriften wurden in unserer Fassung mit neuen Schattierungen verändert, um in kreativer Bearbeitung eine größere Homogenität zu erzielen.

Aus der Perspektive des ausübenden Triospielers bot es sich ferner auch an, zwei Details der Stimmführung im Bratschenpart vorzuschlagen: 1.Satz, Takt 154-155 (parallel zu den Takten 55-56) und  3.Satz, Takt 204. Außerdem wurden in der Solostimme praktische Fingersätze eingefügt, die sich für das Wohlbefinden des Bratschers anbieten, wenn er in die ungewohnte Rolle des Primarius schlüpft.

Zumindest bis in die Jahre um 1797 spielte Beethoven noch oft die Bratsche – und anscheinend liebte er auch das Instrument, wie das berühmte „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ (für Bratsche und Cello, WoO 32) belegt. Man nimmt allgemein an, dass er den Bratschenpart für sich selbst, die Cellostimme aber für den Cello-Freund Nikolaus Zmeskall geschrieben hat. Waren diese beiden auch die Adressaten der von Freund Simrock besorgten Klaviertrio-Fassung von Opus 81b?

Vidor Nagy

Stuttgart, im Juli 2017