Gedanken zur CD “Bach und das 20. Jahrhundert

Als ich noch an der Musikakademie Franz Liszt in Budapest studierte, habe ich die musikalischen Neugeburten vieler gleichaltriger Komponisten leidenschaftlich gern gespielt. Die Gestaltungsmöglichkeiten zeitgenössischer Musik waren nicht nur intellektuell, sondern auch unter dem Aspekt eines emotionalen Dialogs mit diesen Freunden sehr hilfreich für meine Entwicklung. Noch heute sind die musikalischen Erlebnisse jener Zeit sehr präsent in mir.

Emotionen auszuleben, hat immer eine reinigende, kathartische Wirkung, die sich beim Musiker sogar auf die instrumentale Tongebung auswirkt; Emotionen erlauben, sich freizuspielen und das alltäglich Erlebte in ästhetischer Form zu rekapitulieren und manchmal in harmonierende Schönheit zu verwandeln.

Schönheit ist jedoch keine Eigenschaft, sondern eine Wirkung, ein Schwebezustand, eine Erhebung der Seele; sie ist die Leidenschaft der Einfachheit, wie schon der große Schauspieler Berhard Minetti zu sagen pflegte: „Unter Verzicht auf Wirkung höchste Wirkung”. Den dynamischen Wellengang des Ausdrucks betonte der Regisseur Giorgio Strehler folgendermaßen: „Alle große Kunst ist der Schrei des Menschen nach Glück”. Beide Zitate steigern sich in Hölderlins Satz: „Wer das tiefste gedacht, liebt das lebendigste”. Mit diesen Überlegungen erreichen wir schließlich Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel und dessen Empfehlung: „Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.” Dies scheint bei seinem Vater Johann Sebastian Bach leicht zu sein, dessen universale Sprache einen sicheren Hafen bietet. Ein eigenartiges ungarisches Wort für Musik bestätigt dies: Zeneszó bedeutet, wörtlich übersetzt: Musikwort.

Bach zu spielen oder seine Werke zu hören, ist nicht nur die Frage der Stimmung. Bach erfrischt die Seele, erneuert das Herz und reinigt die Lunge – wahrhaft eine göttliche Quelle! Seine Musik ist wie ein Prisma ewiger Gefühle; sie ist eine Umarmung! Wie der ungarische Geigenvirtuose Edouard Reményi (1828-1898) in seinem Essay über Bach schreibt: „Wenn du himmlische Musik suchst, die auf die Mutter Erde herab gesandt wurde, du findest sie bei Bach.”

Als Bratschist träumt man oft von Polyphonie, und deshalb versuche ich, die dritte Dimension zwischen Geige und Cello zu finden, obwohl Tonfarbe, Ansprache und Repetitionsmöglichkeit dies auf der Bratsche erheblich erschweren. Aber die Hoffnung, so elementare, vulkanische Musik umsetzen zu können, hat mir viel Kraft gegeben.

Ein Konzertprogramm mit Bach und Werken aus dem 20. Jahrhundert hat mich schon immer gereizt, hauptsächlich, weil das imaginäre Gespräch zwischen den Komponisten denkbar ist. Bachs Einfluss ähnelt der Gravitation, ohne Bach ist die Musikgeschichte unvorstellbar. In diesem Mammutprogramm ist Bach der sympathische, agile Wortführer, und ich versuchte die Kompositionen so auszuwählen, dass sie stichwortartig, harmonisch oder formal die „Gesprächsrunde” vorantreiben. Der hypothetische Dialog deckt gewisse Verwandtschaften auf und eröffnet die sehr farbigen Fenster des 20. Jahrhunderts: lebendige Eigenständigkeit als Erbteil der Tradition. Das aufbrausend-turbulente Zusammensein unserer Komponisten endet mit dem Abschied von Ligeti („da lontano”), aber die letzten Töne deuten gleichzeitig auch die Unendlichkeit des Universums an.

Vidor Nagy